NEU: Statistik zur Lernbehinderung – wie viele Menschen gelten eigentlich als „lernbehindert“?

Es gibt in Deutschland keine offiziellen Daten oder Zählungen zur Anzahl von Menschen mit Lernbehinderung es gibt. Aber es gibt gute Schätzungen. Diese hat unser wissenschaftlicher Beirat, Prof. Karl-Heinz Eser, hier zusammengefasst.

Unsere Kurzfassung:

Überlegungen zur Lebensspanne: Man kann unterscheiden zwischen „Lernbehinderung“ (sozialrechtlicher Begriff) bzw. „Lernbeeinträchtigung“ (schulrechtlicher Begriff).  So oder so; eine Lernbehinderung endet sicher nicht mit der Erfüllung der Schulpflicht. Vielmehr umfassen „Lernbehinderungen“ bzw. „Lernbeeinträchtigungen“ Beeinträchtigungen von Funktionen, die die Anpassung an Herausforderungen des alltäglichen Lebens erschweren und lebenslange Unterstützungen nötig machen.

Zahlen und Beschreibungen aus Großbritannien:
Nach dem Department of Health (2001) bedeutet „Learning Disability“, dass es schwierig ist, „neue oder komplexe Informationen zu verstehen“ und „neue Fähigkeiten zu erlernen (beeinträchtigte Intelligenz)“. Außerdem zeigt sich „eine verminderte Fähigkeit, selbstständig zurechtzukommen (gestörtes soziales Funktionieren)“. Diese Beeinträchtigungen beginnen schon vor dem Erwachsenenalter. (Quelle: Department of Health (2001): Valuing People: A New Strategy for Learning Disability for the 21st Century (S. 14). London: Department of Health. Verfügbar unter: http://bit.ly/17DUyVN [18.01.2020])

Nach den offiziellen Zahlen aus Großbritannien gelten ca. 2,5 % der jüngeren Menschen dort als „Menschen mit Lernbehinderung“. Diese Angabe ist nahezu identisch mit langfristigen deutschen Beobachtungen im Rahmen der Kultusministerkonferenz. Der Anteil von älteren Menschen liegt bei ca. 2,1 %. Daraus ergibt sich ein Gesamtanteil von ca. 2,3 % – das wären in Deutschland insgesamt ca. 1,9 Mio. Menschen mit Lernbehinderung.

Zahlen des Robert-Koch-Instituts (2015):
Dass diese Schätzungen plausibel sind, zeigt ein Blick in die nationale Gesundheitsberichterstattung des Robert-Koch-Instituts (2015, S. 133ff.): Sie sieht die Anzahl von Menschen mit einem leichten Grad der Behinderung (GdB kleiner 50) bei 2.684 Mio. oder 3,3 %. Ein bedeutender Teil dieser Kategorie dürften Menschen mit Lernbehinderung sein. (Quelle: Robert-Koch-Institut – RKI (Hrsg.) (2015). Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Berlin: Eigenverlag)

Für LERNEN FÖRDERN bedeutet das: Es gibt zwar viele Unsicherheiten bei der Schätzung, aber es ist plausibel, dass – in allen Altersklassen in Deutschland – mindestens ca. 1,8 bis 2,0 Mio. Menschen mit Lernbehinderungen leben.

 

Lernbehinderung, was ist das eigentlich?

Es gibt nicht „die eine“ Lernbehinderung, vielmehr können Lernbehinderungen unterschiedliche Ursachen haben, unterschiedlich ausgeprägt sein und sich unterschiedlich auswirken.
Lernbehinderungen sind meist nicht offensichtlich und werden dadurch erst sehr spät erkannt. Zum Beispiel dann, wenn Kinder im Vergleich mit anderen Kindern langsamer lernen und, obwohl sie sich anstrengen, nicht so gute Ergebnisse haben.

Aus diesem Grund spricht man bei Lernbehinderungen auch von nicht offensichtlichen Behinderungen oder einer „Behinderung auf den 2. Blick“.

Lernbehinderung – was ist das?
Charakteristisch für Lernbehinderungen ist ihre Vielfalt, hinter diesem Begriff stehen vielfältige Ursachen mit vielfältigen Komponenten, Erscheinungsformen, Ausprägungen und Abstufungen mit großen individuellen Unterschieden. Eine Lernbehinderung ist nicht immer leicht von einer geistigen Behinderung auf der einen und einer Lernschwäche auf der anderen Seite abzugrenzen.

Ursachen von Lernbehinderungen
Eine Lernbehinderung kann durch verschiedene Faktoren aus unterschiedlichen Bereichen verursacht werden. Sie betrifft in der Regel mehrere Funktionsebenen (geistig, seelisch und körperlich), die sich in der Lebensentwicklung gegenseitig individuell und nicht kontinuierlich verstärken. Die Hauptursachen liegen meistens im organischen und neurologischen Bereich. Es handelt sich um angeborene, genetische Faktoren oder erworbene hirnorganische Schädigungen.

Neurologische Grundlagen: Wie lernt der Mensch?
Wenn kleine Kinder die Welt erfahren, wenn Erwachsene neue, unbekannte Situationen bewältigen, dann lernen sie. Im Gehirn werden neue Verbindungen zwischen Nervenzellen geknüpft, bestehende Verbindungen verstärkt und unnötige Verbindungen aufgelöst. Ein Netz aus Nervenzellen, vergleichbar mit einer Landschaft mit vielen Wegen entsteht: Wege, die oft gegangen werden, sind breit und sicher. Wege, die selten begangen werden, sind schmal und schwer zugänglich. Ein Kind, das in seiner Kindheit nur wenige Male auf einem Fahrrad saß, kann als Erwachsener nicht Fahrrad fahren. Ein Mensch, der dagegen regelmäßig Fahrrad fährt, muss darüber nicht mehr nachdenken, sondern hat diese Bewegung automatisiert.

Entscheidend für die Effektivität der Lernprozesse sind nicht nur die einzelnen Wege, sondern auch ihr Zusammenspiel. Durch fehlende Verknüpfungen der Nervenzellen können Denkprozesse verlangsamt werden, die Menge der Informationen und die Geschwindigkeit ihrer Verarbeitung sind reduziert.

Psycho-soziale Faktoren:
Neben den biologischen Ursachen können psycho-soziale Faktoren wie ungünstige soziale und psychologische Bedingungen eine Lernbehinderung verursachen oder verstärken. Säuglinge und Kleinkinder, die keine ausreichende Pflege und zu wenig emotionale Zuwendung erhalten, zeigen Entwicklungsverzögerungen und -rückstände. Fehlende Anreize und fehlende Zuwendung wirken sich auf das physische Wachstum, die kognitive Entwicklung sowie die Psyche des Kindes aus.

Menschen mit Lernbehinderungen brauchen besondere Hilfen – manche ein Leben lang!
Das Entwicklungsalter von Kindern mit Lernbehinderungen weicht im Kleinkindalter immer mehr von der Entwicklung gleichaltriger Kinder ab. Diese Entwicklungsverzögerung wird bedauerlicherweise auch heute noch nicht immer rechtzeitig bemerkt. Von Lernbehinderung betroffen sind ca. 2,5% bis 3,5% aller Kinder eines Jahrgangs. In der Schule unterscheidet sich

ihr Lern- und Leistungsvermögen immer deutlicher vom Lernen gleichaltriger Kinder. Kinder mit Lernbehinderungen sind deshalb auf ein individuelles sonderpädagogisches Bildungsangebot angewiesen.

Eine Lernbehinderung wirkt sich auf jede Form des Lernens im Alltag und auf die Bewältigung des täglichen Lebens in jeder Altersstufe aus. Menschen mit Lernbehinderungen benötigen Unterstützung und Begleitung, damit sie in der Gesellschaft und am Arbeitsleben teilhaben können.

LERNEN FÖRDERN
Der LERNEN FÖRDERN – Bundesverband bietet Menschen mit Lernbehinderungen und ihren Angehörigen Unterstützung und Beratung, begleitet den Aufbau von Selbsthilfegruppen, unterstützt die Arbeit seiner Orts-, Kreis- und Landesverbände, informiert über aktuelle Entwicklungen und bietet bei seinen Seminaren, Arbeitstagungen und Bundesversammlungen Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch der Mitglieder und Interessierten untereinander.

Grundlegende Informationen finden Sie in der Datei „Lernbehinderung – was ist das?“
Lernbehinderung – was ist das? (pdf Datei)

Eine ausführliche Information bietet unsere Selbsthilfebroschüre Band 1 Aktivität und Teilhabe „Informationen für Menschen mit Lernbehinderungen und ihre Angehörigen“, die Sie auch als Printversion bestellen können.
SH-1-Informationen-Lernbehinderungen (pdf Datei)

Informationen zum Thema Lernbehinderung können Sie in unserem Fachbuch nachlesen, das im August 2016 erschienen ist:
Lernbehinderung, die Behinderung „auf den zweiten Blick“
Von begrifflichen Unschärfen, komplexen Beeinträchtigungen und pädagogischen Lösungen

ISBN 978-3-943373-09-7

Das Buch kann für 19,90 EUR bei LERNEN FÖRDERN bestellt werden.

Das Buch kann für 19,90 EUR bei LERNEN FÖRDERN bestellt werden: post@lernen-foerdern.de

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