Mindeststandards in der Frühförderung
Bildung und Erziehung von jungen Menschen im Schwerpunkt Lernen
Bildung und Erziehung von jungen Menschen im Schwerpunkt Lernen
Sonderpädagogische Frühförderung und Frühberatung sind die zentralen Säulen der frühkindlichen Bildung für Kinder mit einer Entwicklungsverzögerung, mit drohender oder bestehender Behinderung sowie der Begleitung der Eltern und Erziehungsberechtigten im Feld der vorschulischen Sonderpädagogik.
Sonderpädagogische Frühberatungsstellen, angegliedert an die Förderschulen, gibt es zusätzlich zu den interdisziplinären Frühförderstellen aktuell nur in Baden-Württemberg. In allen anderen Bundesländern wird die Frühförderung ausschließlich von interdisziplinären Frühförderstellen geleistet. Darüber hinaus gibt es in Baden-Württemberg Schulkindergärten, die ebenfalls dem Aufgabenfeld vorschulischer Bildung zuzurechnen sind.
Die Frühförderung arbeitet im Auftrag der Eltern und Erziehungsberechtigten nach dem Subsidiaritätsprinzip. Dementsprechend ist neben der Informationsbündelung und -aufbereitung eine klientenorientierte Beratung der primären Bezugspersonen von besonderer Wichtigkeit. Ein verständnisvoller und verstehen wollender Beratungsansatz als Grundhaltung, um Vertrauen aufbauen zu können und über zentrale Aspekte im Krisenbewältigungsprozess sprechen zu können, benötigt Zeit, einen störungsfreien Raum und Frühförder:innen mit entsprechenden Beratungsqualifikationen. Empathie und möglichst vorurteilsfreies sowie kultursensibles, Wohlmeinen ausstrahlendes und verständnisvolles Begleiten tragen dazu bei, dass familiäre Systeme gestärkt und Resilienzen nachhaltig aufgebaut werden.
Im Zentrum stehen Beziehungserfahrungen und deren Reflexion, mit dem Ziel, die Ressourcen der Familie, des Kindes und des Systems, in dem sich beide aktuell befinden, zu definieren und zu stärken. Dabei bieten unterschiedliche Förder- und Beratungsorte (in der sonderpädagogischen Beratungsstelle, im inklusiven Setting der Regelkindergärten, im häuslichen Umfeld der Familie) verschiedene Optionen, den spezifischen Bedürfnissen gerecht zu werden.
Ausgangspunkt ist zunächst ein offenes Beziehungs- und Unterstützungsangebot dem Kind gegenüber. Erfahrungen der kindlichen Selbstwirksamkeit und des subjektiven Könnens führen zu weiterem Explorationshandeln und mithin zu Entwicklungsfortschritten. Kindgerechte Lernumgebung, altersadäquates Spielmaterial sowie ein Frühförderer bzw. eine Frühförderin, der/die sich feinfühlig auf das kindliche Spiel- und Kommunikationsangebot einzulassen vermag, flankieren diese Grundlage.
Dies sind wertvolle Erfahrungsräume auch für Eltern und Erziehungsberechtigte. Denn speziell im sonderpädagogischen Beziehungs- und Interaktionskontext erleben Eltern und Erziehungsberechtigte ihre Kinder nicht primär defizitär, sondern werden durch gezielte Gesprächsführung, das eigene Wahrnehmen in der Frühfördersituation und durch – teilweise auch videogestützte – Stärkenhervorhebungen in ihrer Erziehungskompetenz gestärkt.
Explorationshandeln beschreibt das eigenständige und selbstbestimmte Entdecken der Umwelt.
Grundlage für die Gestaltung individueller Bildungsangebote für junge Menschen mit Anspruch auf ein sonderpädagogisches Bildungs-, Beratungs- und Unterstützungsangebot sowie für die individuelle Lern- und Entwicklungsbegleitung ist die Diagnostik durch Sonderpädagog:innen. In diesem diagnostischen Prozess werden Persönlichkeitsfaktoren und Umweltfaktoren dargelegt und bewertet. Eine individualisierte Erfassung von Stärken und Schwächen, Ressourcen und Barrieren im Umfeld einer Person beschreibt deren Teilhabe und auch deren Teilhabemöglichkeiten.
Hierauf baut eine ICF-CY-geleitete Diagnostik auf, die die Kind-Umfeld-Bedingungen in den Blick nimmt. Standardisierte und informelle sonderpädagogische Diagnostikansätze bilden die Grundlage, um einen kindgerechten und den Entwicklungsstand bestimmenden Gesamteindruck zu erhalten. Dieser dient dann dazu, in enger Absprache mit Eltern und Erziehungsberechtigten und den am Förderprozess beteiligten Therapeut:innen, Bezugserzieher:innen sowie Mediziner:innen im Sinne der individuellen Lern- und Entwicklungsbegleitung entsprechende Förderziele in der Zone der nächsten Entwicklung zu beschreiben. Damit werden systematisch angelegte Förderideen (Ziele), -situationen und -materialien konkretisiert und Verbindlichkeiten in deren Umsetzung geschaffen.
Die enge Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Professionen unter Einbezug der Eltern und Erziehungsberechtigten hilft hierbei, unterschiedliche Sichtweisen auf das Kind, seine im jeweiligen Lebenskontext sichtbaren Schwierigkeiten, aber auch Stärken zu erkennen. Die Frühberatung nimmt eine zentrale Rolle ein, indem sie die verschiedenen Informationen bündelt und diese sinnvoll zu einem Gesamtbild zusammenfügt. Nicht nur – aber gerade – Kinder und Familien mit psychischen Belastungen und Erkrankungen, Armutsgefährdungen, Traumatisierungen, abweichenden kulturellen Verstehenshintergründen profitieren von möglichst frühzeitig auf den Weg gebrachten, systematisch angelegten Unterstützungsangeboten im Zusammenwirken möglichst aller Unterstützungssysteme. Die Frühberatung übt hier auf Wunsch der Eltern und Erziehungsberechtigten die zentral koordinative Funktion aus.
Eine Schlüsselstelle nimmt die Frühberatung für Eltern und Erziehungsberechtigte insbesondere beim schulischen Übergang ein, etwa im Rahmen der elterlichen Information oder Beratung über den Ablauf der Anspruchsfeststellung auf ein sonderpädagogisches Bildungsangebot. Systemkenntnis, die sonderpädagogisch-fachliche Expertise, bezogen auf den Entwicklungsstand des Kindes, seine beobachteten Fortschritte und angemessen vorsichtige Lernprognosen, sowie die Feldkenntnis des familiären Umfelds mit seinen spezifischen Wünschen, Sorgen und teilweise auch Zwängen fließen zum Wohle des Kindes, der Familie und Schule hier mit ein.
Eine vom sonderpädagogischen Kerngedanken der Selbstbefähigung getragene Zusammenarbeit zwischen Frühförderung, Eltern/Erziehungsberechtigten und weiteren Professionen schafft einen wesentlichen Beitrag zur Prävention schulischer Lern- und Entwicklungsschwierigkeiten sowie durch die Teilhabeförderung in Regel-Kindertageseinrichtungen einen wertvollen Beitrag zu gelebter Inklusion.
Auftrag jeder Kindertageseinrichtung ist es, den individuellen Bedürfnissen und besonderen Situationen aller Kinder gerecht zu werden, um größtmögliche Teilhabe und beste Entwicklungschancen für alle Kinder zu sichern. Um diesem gesellschaftsrelevanten Ziel näherzukommen, bedarf es neben flächendeckenden Weiterqualifikationen für Erzieher:innen der Regel-Kindertageseinrichtungen dort auch sonder- und heilpädagogisch ausgebildeten Fachpersonen in ausreichender Anzahl. Zudem müssen die baulichen Gegebenheiten sowie die räumliche Ausstattung an die besonderen Anforderungen von Kindern mit Unterstützungsbedarf angepasst werden.